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Aachen: Seltenes Milhaud-Oratorium aufgeführt

Von Guido Krawinkel

Die Koinzidenz ist verblüffend: letzte Werke beschäftigen sich nicht selten mit den letzten Dingen. Mozarts Requiem ist das vielleicht prominenteste Beispiel, Franz Schmidts gewaltiges Apokalypse-Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln" das vielleicht eindrucksvollste und "Ani Maamin" von Darius Milhaud (1892-1974) vermutlich eines der erschütterndsten. 1973 vollendet, stellt es das letzte abgeschlossene Werk Milhauds dar, das die Frage nach dem Schweigen Gottes angesichts des Holocaust thematisiert. Damit hängt auch die uralte Frage nach dem Verhältnis von Schöpfer und Schöpfung zusammen, die mit der damit automatisch im Raum stehenden Theodizee-Frage letztendlich die Grundfeste des christlichen Glaubens berührt.

"Ich glaube an die Wiederkehr des Messias..." lautet die Übersetzung jenes Zitates, mit dem Milhauds "Kantate für Sprecher, Solisten, Chor und Orchester op. 44" beginnt. Den Text des abendfüllenden Oratoriums schrieb der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, der den Holocaust am eigenen Leibe erfahren musste und sich seitdem unermüdlich für Aussöhnung und Völkerverständigung einsetzt. Als Franzose jüdischer Abstammung war der Holocaust auch an Milhaud, der 1940 in die USA emigrieren musste, nicht spurlos vorübergegangen. In seinem Oratorium, das den Untertitel "Ein verlorener und wiedergefundener Gesang" trägt, findet er dafür radikale, spröde, ganz und gar nicht eingängige Klänge.

Die Handlung ist schnell erzählt: Gott wird von den drei Erzpatriarchen Abraham, Isaak und Jakob verklagt, die ihn auf Grund des Elends auf der Erde zur Rede stellen und die Verheißungen des Alten Testaments einfordern wollen. Gott aber schweigt, auch dann noch, als in vielen Einzelheiten die Qualen beschrieben werden, denen die Menschen ausgesetzt waren. Als sich die Erzväter schließlich abwenden wollen, um dem geschundenen Volk das Ende all ihrer Hoffnungen zu verkünden, erscheint ihnen ein Engel des Herrn und mahnt sie: "Was maßt ihr euch an! Gott tröstet, das genügt." Und am Ende weint Gott gar und leidet mit seinem Volk.

Mit seiner strengen Abfolge von Chören und Zwischentexten bietet Milhauds Oratorium wenig Raum für dramatische Entwicklungen, die immer wieder im Keim erstickt werden. Mit der formalen Strenge geht eine musikalische Rigorosität einher, die karg und asketisch anmutet. So verwundert es kaum, wenn das Werk nach seiner deutschen Erstaufführung 1974 in Stuttgart erst ein weiteres Mal hierzulande aufgeführt wurde.

Bei der Aachener Aufführung wurden die musikalischen Elemente in französischer Sprache gesungen, die Zwischentexte des Erzählers und der drei die Erzväter darstellenden Schauspieler jedoch auf Deutsch gesprochen. Diese Lösung erschien plausibel, da der engen Verbindung von Wort und Musik keine Gewalt angetan wurde, der dramaturgische rote Faden aber nachvollziehbar blieb. Dies zumal die vier Sprecher Manfred Stamm (Abraham), Andreas Pöhler-Regenbrecht (Isaak), Lars Reinking (Jakob) und Wolfgang Kühnhold (Erzähler) jeweils ganz unterschiedliche, aber sehr überzeugende Akzente bei der Ausgestaltung ihrer Rollen setzten.

Mit großem Engagement hatte sich der Aachener Bachverein unter der fesselnden Leitung von Wolfgang Karius der thematisch wie musikalisch harten Kost angenommen. Obwohl den Sängerinnen und Sängern die Mühen (z.B. im Hinblick auf Klangbalance und Stimmsicherheit) zuweilen durchaus anzuhören waren, meisterten sie die ihren schwierigen Part ebenso wie das von Peter Sauerwein einstudierte Junge Sinfonieorchester Aachen ausgesprochen souverän. Auch das mit Sabine Schneider (Sopran), Christine Wehler (Alt), Hans Josef Ritzerfeld (Tenor), Stephan Saus (Bariton) ausgewogen besetzte Solistenquartett erwies sich als Glücksgriff.

So blieb am Ende ein tiefer Eindruck eines Werkes, das trotz der schwierigen Thematik und seines spröden Charmes tief berührt und aufhorchen lässt.

Quelle: MuK 4/2002, www.musikundkirche.de

MuK, 1.8.2002